Alle unter einem Dach

Seit 1991 hat sich die Zahl der Single-Haushalte fast verdoppelt, die Zahl der Einpersonenhaushalte stieg um 46 Prozent. Als Großfamilie, die mit mehreren Generationen vom Baby bis zu Großeltern unter einem Dach wohnt, leben die Menschen in Deutschland schon lange nicht mehr.

Dabei kommt ein wichtiges Bedürfnis der Menschen zu kurz: Es ist die Gemeinschaft, in der wir uns austauschen, Zeit miteinander verbringen, uns unterstützen, helfen und füreinander da sind. Die Antwort auf dieses Bedürfnis ist das seit 2006 ins Leben gerufene Konzept der Mehrgenerationenhäuser. Seinen Ursprung hat es in Niedersachsen. Damals initiierte die damalige niedersächsische Familienministerin Ursula von der Leyen das Aktionsprogramm, später wurde es von ihr auf Bundesebene fortgeführt.

Die Idee? Jüngere helfen Älteren und umgekehrt. „Die alte Dame fragt den Schüler Englischvokabeln ab, dafür erklärt er ihr das Handy“, lautete von der Leyens Vision. Die Häuser sind ein offener Treffpunkt, eine Begegnungsstätte, in der das Miteinander der Generationen aktiv gelebt wird. Man trifft sich zu verschiedensten Aktivitäten, zum Kochen, zum Spielen oder einfach zum Erzählen auf einen Kaffee. Es gibt Kurse zur digitalen Bildung, Integrationskurse oder Grundbildung für Erwachsene, Betreuungs-, Lern- und Kreativangebote für Kinder und Jugendliche, berufliche Weiterbildungskurse, Unterstützungsangebote für Pflegebedürftige und deren Angehörige, Sprachkurse für Migrantinnen und Migranten und vieles mehr.

Träger der Mehrgenerationenhäuser sind Kommunen, Kirchengemeinden oder freie Träger wie Vereine oder Sozialverbände. „Krabbelstuben für Senioren“, höhnten Kritiker über das Konzept. Trotz des heftigen Widerstands führte von der Leyen Kindergruppen, Jugendtreffs, Mütterzentren, Altenbegegnungsstätten und Beratungsstellen zusammen und unter ein Dach. Die Vernetzung schloss Angebotslücken und löste Dopplungen auf. Heute nehmen bundesweit bereits rund 540 Häuser am Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus teil.

Das Konzept funktioniert nur durch das Engagement Ehrenamtlicher: Gemeinsam mit den Hauptamtlichen gestalten sie das Mehrgenerationenhaus. Sie bieten ihre Hilfe als Leihgroßeltern an, geben Computer-Nachhilfe, veranstalten Deutschkurse oder stellen Theaterprojekte auf die Beine. Es sind über 36.500, die sich täglich um 61.000 Gäste kümmern.

Doch warum nur gelegentlich in einem Haus treffen, warum nicht gleich zusammen wohnen? Auch dafür sind Mehrgenerationenhäuser offen, das Prinzip bleibt das gleiche: Man hilft sich gegenseitig, ob bei der Kinderbetreuung oder Unterstützung von Senioren. Die Hilfe hat allerdings auch Grenzen, eine körperliche Altenpflege oder die komplette Kinderbetreuung von Kleinkindern ist nicht üblich.

Sie möchten sich ehrenamtlich engagieren? Oder interessieren Sie sich für ein generationsübergreifendes Wohnen? Dann finden Sie hier weitere Informationen: https://www.mehrgenerationenhaeuser.de/

Oder Sie „bauen“ sich selbst ein Mehrgenerationenhaus? Schauen Sie sich doch einmal in Ihrer Nachbarschaft um, knüpfen Sie Kontakte und lernen Sie einander kennen, wenn schon nicht geschehen. Vielleicht wächst daraus eine starke Gemeinschaft.