Du bist schön, Alter!

Whiskey, Antiquitäten und Oldtimer dürfen hemmungslos alt sein, wir nicht. Zumindest sollen wir nicht so aussehen. Es gilt als Kompliment, jünger geschätzt zu werden, als man tatsächlich ist. Jugendlichkeit wird mit Gesundheit gleichgesetzt und Gesundheit mit Attraktivität und Leistungsfähigkeit. Verlieren wir unsere Jugend, was meist völlig unverschuldet und in der Regel automatisch passiert, kann das unfaire Folgen haben. Je höher das Alter, desto tiefer sinkt der Wert zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt – und das trotz Fachkräftemangel und gestiegenem Renteneinstiegsalter. Als ob das nicht genug wäre, wird uns angeboten, Gift unter die Haut spritzen zu lassen. Damit die Spuren unserer gelebten Jahre auf der Haut eliminiert werden. Welch Affront!

Es ist an der Zeit, unsere gelebte Zeit zu feiern! Denn die Jahre mit all ihren Erlebnissen und Erfahrungen, die wir gesammelt haben, bieten uns einen Reichtum, den wir genießen und hier aus den Vollen schöpfen dürfen. Betrachten wir unser Alter als eine Reife, die unsere Persönlichkeit veredelt hat.

Eine Studie der University of California hat gezeigt, dass sich im Laufe der Zeit unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen verbessern. Wir empfinden Zeit als kostbarer und so steigt zum Beispiel die Bereitschaft, einander zu vergeben. Das deckt sich mit einer Umfrage des Marktforschungsinstitutes GfK, in der 88 Prozent der Deutschen mit dem Alter Reife, Lebenserfahrung und Gelassenheit verbinden. Die Gelassenheit haben wir mit einem gewachsenen Selbstbewusstsein gewonnen. Wir wissen, wer wir sind und was wir wollen. Das ist eine Klarheit, die uns davor bewahrt, Erwartungen anderer erfüllen zu wollen, die unserer Persönlichkeit und unseren Werten nicht entsprechen. Gleichzeitig sind Ältere toleranter im Hinblick auf andere Ansichten und bringen in Konfliktsituationen mehr Verständnis für andere auf. So fällt es leichter, Kompromisse einzugehen. Diese Fähigkeit macht ältere Menschen zu idealen Streitschlichtern. Forscher stellen fest, dass sie auf Grund ihrer Lebenserfahrung und der Fähigkeit, eine größere Distanz zu Konflikten einzunehmen, empathischer und besser in der Lage sind, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen.

Laut dem Psychologen Darell Worthy von der Texas A & M University, treffen ältere Menschen auch oft klügere Entscheidungen als junge. Jüngere Menschen entscheiden sich oft für Lösungen, die einen sofortigen Gewinn versprechen und nicht für die, die langfristig sinnvoller sind. Dazu sind ältere Menschen ausdauernder und konzentrierter als junge, denn sie lassen sich nicht so schnell ablenken. Die Auffassungsgabe eines Menschen lässt zwar schon mit Mitte 20 langsam nach, ausgleichend wächst die kristalline Intelligenz noch lange weiter, sie umfasst Fachwissen, verbales Ausdrucksvermögen, Fertigkeiten und die schon erwähnte soziale Kompetenz.

Unsere Lebensumstände sind im Vergleich zur Lebensmitte, in der die Zeit wegen der vielen Verpflichtungen im Beruf, Haushalt und Familie, im Alter deutlich entspannter. Wir können die Tage genussvoll auskosten und nachholen, wofür zuvor keine Zeit blieb: Reisen, Hobbys, Ehrenamt oder Sport. Mit der verfügbaren Zeit sinkt auch der Stresspegel.

Tolle Vorbilder und eine wahre Inspiration sind Menschen wie der 94-jähige Josef Rüddels aus Windhagen, der mit 56 Amtsjahren der älteste und dienstälteste Bürgermeister Deutschlands ist. Oder der 86-jährige Arne Hase, Deutschlands ältester Marathonläufer, er läuft den Mainova Frankfurt Marathon 2018. Mit 100 Jahren ist die US-Amerikanerin Tao Porchon-Lynch die älteste Yogalehrerin der Welt. Yoga entdeckte sie schon 1926 Yoga für sich. Und Jean-Luc Van den Heede ist mit der 73 Jahren der älteste Einhand-Weltumsegler. Die Abenteuer warten also nur auf uns – und zwar ein ganzes Leben lang.