Erinnerungen, der Reichtum unseres Lebens

Wir hören die ersten Takte eines Songs aus unserer Jugend, schon ist da das Bild eines Jungen in unserem Kopf, sein verlegenes Lächeln vor dem ersten Kuss. Wir riechen die Mischung aus Chlor, gemähtem Gras und Pommes und fühlen uns gleich so leicht und fröhlich wie früher in den großen Sommerferien. Jemand fragt uns nach der Hauptstadt von Japan, wie der französische Ministerpräsident oder ein schwarzes Pferd heißt und wir finden die Antworten in unserem persönlichen Nachschlagewerk, unserem Hirn. Oder genauer: in unserem semantischen Gedächtnis. Es ist für das Faktenwissen zuständig. Das episodische Gedächtnis speichert unsere persönlichen Erfahrungen, vom Schaukelpferd aus der Kindheit bis zum Frühstück heute Morgen. Unser Gehirn erinnert sich darüber hinaus auch an das, was uns nicht bewusst ist, zum Beispiel, welche Muskeln wann und wie aktiviert werden müssen, um zu gehen oder Rad fahren zu können. Das ist das prozedurale Gedächtnis.

Was in unserem Gehirn passiert, ist eine beeindruckende Kettenreaktion innerhalb eines Netzes von über 100 Milliarden Nervenzellen. Erreicht ein Reiz eine Nervenzelle, leitet sie einen elektrischen Impuls mithilfe von Botenstoffen an ihre Nachbarzellen weiter. Wenn wir etwas Neues lernen und unser Gedächtnis das Gelernte speichert, verstärken sich die Verbindungen zwischen bestimmten Neuronen. Vor allem die Wiederholung stärkt das Neuronennetz und damit die Erinnerung – ähnlich wie sich durch wiederholtes Krafttraining Muskeln ausbilden. Interessant: Je stärker unsere emotionale Beteiligung ist, umso besser und dauerhafter speichern wir das Erlebnis ab.

Ganz genau nimmt unser Gehirn es übrigens nicht mit der Aufzeichnung von Erlebnissen. Die Erinnerung gleicht eher einem Lückentext, die fehlenden Wörter, Bilder, Abläufe ergänzen wir ganz einfach in künstlerischer Freiheit, solange bis es uns stimmig erscheint. Nicht nur für Polizeibeamte ist dieser Umstand in Zeugenbefragungen schwierig, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen kann dies zu Irritationen führen. Sehr lesenswert hierzu ist der Roman „Vom Ende einer Geschichte“ von Julian Barnes, der die fragile Verlässlichkeit von Erinnerungen und deren Auswirkung auf Freundschaft thematisiert.

Das Vergessen hat aber auch seine Berechtigung. So sehr wir uns auch darüber ärgern, wenn uns nicht mehr einfällt, wo wir den Schlüssel hingelegt haben oder es uns peinlich ist, wenn wir den Namen eines neuen Kollegen vergessen. Vergessen lässt uns überleben, das Löschen von Informationen ist eine Art Putzkolonne und Entsorgungsbetrieb im Gehirn. Denn wir nehmen mit unseren Sinnen so viele Informationen auf, die wir nicht alle verarbeiten können. Es würde ein wildes Sammelsurium an Erinnerungen geben, Unwichtiges, Wichtiges neben- und übereinander, wichtige Informationen gingen schlimmstenfalls verloren. Und das wäre fatal für unsere Entscheidungsfähigkeit, wir wären handlungsunfähig.

Gehen allerdings zu viele Erinnerungen verloren, schwindet damit auch etwas von unserem Leben, unserer Persönlichkeit, von dem was uns mit den Menschen und der Welt verbindet, die Basis für einen anregenden Austausch.

Wie können wir bewahren, was uns ein solch kostbares Gut ist? Wie können wir unser Gedächtnis und unser Gehirn fit halten?

  • Endlich mal ein Tipp, der einfach ist und Spaß macht: Soziale Kontakte, intensive, lange Gespräche, gemeinsame Unternehmungen steigern die geistige Fitness. So bilden sich neue Nervenzellen im Gehirn und werden miteinander verknüpft. Menschen, denen wir uns nah fühlen, senken außerdem unser Stresslevel, was unser Immunsystem stärkt und für Ausgeglichenheit sorgt.
  • Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Tai Chi, Progressive Muskelentspannung, Yoga oder Meditation sorgen außerdem für Stressminimierung. Durch Entspannungstechniken aktivieren wir die rechte Gehirnhälfte, das Gehirn fällt in den Alpha-Zustand, indem Sie wach, entspannt und intuitiv-kreativ sind.
  • Regelmäßige Bewegung wie Wandern, Radfahren oder Schwimmen sorgen für eine gute Durchblutung des Körpers, also auch des Gehirns. Wer regelmäßig Sport treibt, steigert seine Hirnleistung und verbessert die Denk- und Merkfähigkeit.
  • Etwas Neues zu lernen hat ebenfalls einen positiven Effekt auf das Gehirn. Ob Fremdsprache, Kochen oder Tanzkurs, entscheidend ist, dass es Freude macht und wirklich interessant ist.
  • Typische Gedächtnisübungen wie Sudoku, Kreuzworträtsel oder eine Gehirn-Jogging-App fördern zusätzlich die Konzentrationsfähigkeit. So können wir Wartezeiten an der Kasse im Supermarkt, im Wartezimmer oder während Zugfahrten perfekt nutzen.
  • Neben Training braucht das Gehirn viel Wasser und gute Nährstoffe, um einwandfrei zu funktionieren. Zum Beispiel blaue Früchte wie Trauben, Pflaumen oder Blaubeeren, ihre Farbstoffe, sogenannte Anthocyane, schützen die Nervenzellen im Gehirn vor schädlichen Einflüssen. Auch der Farbstoff Fisetin von Erdbeeren und Tomaten regt die Gehirnzellen an, die für die Erhaltung des Langzeitgedächtnisses zuständig sind. Unterstützt wird die Wirkung durch frisches Blattgemüse wie Salat. Seine Inhaltsstoffe fördern den Transport und die Speicherung von Sauerstoff im Gehirn. Brokkoli liefert viel Eisen und Kalzium, beide sind wichtig für Denk- und Lernprozesse.