Fasten, ein Gewinn durch Verzicht?

Der gefüllte Kühlschrank zu Hause, unterwegs Bäckereien, Imbisse an jeder Ecke und Supermärkte mit unerschöpflichem Angebot und endlosen Regalen, Restaurants und Süßigkeiten-Automaten – Essen ist für uns ständig verfügbar. Das Schlaraffenland ist allerdings kein idealer Ort für uns. Denn evolutionsbiologisch sind wir sozusagen zum „All-you-can-eat“ programmiert, also jede Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme ausgiebig zu nutzen. Denn wer weiß, wann die nächste Hungerzeit kommt?

Wenn sie kam, konnten unsere Vorfahren aber gut damit umgehen – die Fähigkeit zu fasten liegt naturbedingt in unseren Genen. So überlebten Menschen über Jahrtausende Nahrungsengpässe während Winter- oder Dürremonaten ohne Probleme, der Körper stellte in Hungerzeiten einfach auf einen anderen Stoffwechselmodus um und ernährt sich dann quasi von innen heraus. Die Umstellung dauert drei Tage, in dieser Zeit können noch Unruhe, Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen auftauchen. Anschließend sorgt der Ketonstoffwechsel für das sogenannte „Fasten-High“. Ein schlauer Zug der Natur, so blieben wir in Hungersperioden leistungsfähig und verzagten nicht bei der Nahrungssuche. Verdauungsorgane senden keine Hungerhormone mehr ans Hirn, sobald der Darm nichts mehr zu tun hat. Nach 15 Stunden ohne Nahrung beginnt der Körper Fett abzubauen, dann entstehen die ersten Ketone zur Energieversorgung von Hirn oder Herz. Diese energiereichen Nebenprodukte bilden sich beim Abbau von Fettsäuren in der Leber. Der Prozess wird als Ketogenese bezeichnet. Ketone gelten als Jungbrunnen für das Hirn. Das National Institute of Aging, Baltimore, wies nach: Fasten fördert die Neurogenese, also die Neubildung von Hirnzellen, womit sich die Gedächtnisleistung verbessert und Demenz vorgebeugt werden kann. Wissenschaftliche Befragungen von Patienten ergaben außerdem, dass Fasten stimmungsaufhellend wirkt. Es wird von einem tiefen Einschnitt, einem Bewusstseinswandel berichtet, von der Erfahrung der Selbstwirksamkeit und Stressreduktion. Viele sprechen außerdem von außergewöhnlicher geistiger Klarheit. Eine Wirkung, von der bereits intuitiv Moses, Jesus, Mohammed oder Buddha Gebrauch machten, um Gott oder sich selbst näher zu sein. Doch nicht nur für die spirituelle Erleuchtung wurde gefastet, Sokrates nutzte den freiwilligen Nahrungsentzug für geistige Effizienz, Paracelsus wollte mit ihm den inneren Arzt aktivieren. Und er ist nicht der Einzige, zahlreiche traditionelle Medizinformen nutzen das archaische Konzept des periodischen Hungerns als Reinigungstherapie.

Galt das Fasten in der Zwischenzeit vielen als pseudowissenschaftliche, unnütze, wenn nicht gar gefährliche Kur, forschen inzwischen immer mehr Wissenschaftler über das Fasten und seine Wirkung auf den Menschen. Die Ergebnisse begeistern: „Würden wir ein Medikament erforschen, das so potent ist wie das Fasten – unsere Telefone stünden nicht mehr still“, so Andreas Michalsen, Leiter Integrative Medizin Berliner Charité in einem Geo-Interview. Laut der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung e.V. konnten positive Effekte unter anderem bei Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkbeschwerden, Migräne und Reizdarm beobachtet werden.

Eine Studie des US-Biologen Valter Longo, Professor an der Universität von Kalifornien, sorgte für Aufsehen in der Fachwelt: Bei Versuchen mit Mäusen fand er heraus, dass sich Kurzzeitfasten positiv auf die Effektivität und Verträglichkeit einer Chemotherapie auswirken kann. Während gesunde Zellen durch den Nahrungsverzicht geschützt waren, sei für Tumorzellen Fasten das reinste Gift, so sein Fazit. Allerdings könne man aus einem Experiment mit Mäusen noch keine allgemeinen Schlussfolgerungen ziehen.

Im Immanuel-Krankenhaus Berlin, wird ebenfalls zur Wirkung des Fastens auf den Körper geforscht, insbesondere bei Beschwerden wie chronischen Schmerzen, Rheuma, Übergewicht mit hohem Blutdruck und/oder einem aus dem Gleichgewicht geratenen Zuckerhaushalt. Weitere positive Ergebnisse konnten bei multipler Sklerose, Asthma, Neurodermitis, Allergien, Magen-Darm-Erkrankungen und Diabetes Typ 2 erzielt werden.

Was passiert beim Fasten? Es hemmt Entzündungen, der Gehalt von C-reaktivem Protein sinkt, das ist ein Entzündungsmarker, der bei Infektionen und Gewebeschäden ansteigt. Die Universität Yale wies nach, dass eine beim Fasten entstehende Ketonverbindung wie ein Feuerlöscher auf Entzündungen wirkt. Rheumatiker profitieren deshalb besonders vom Fasten. Auch Patienten mit hohem Blutdruck profitieren sehr, er soll beim Fasten noch stärker sinken als durch Beta-Blocker oder ACE-Hemmer. Beim Fasten wird sogenannter Mikroschrott in den Zellen, wie zum Beispiel knäuelartig deformierte Proteine, recycelt. Dieser Prozess im Körper beginnt, wenn kein Insulin mehr im Körper kreist, also wenn er nüchtern ist.

Bevor Sie voller Enthusiasmus mit dem Fasten beginnen, sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen, ob Sie fasten dürfen. Generell sollten Schwangere, Stillende, Kinder, sehr alte Menschen, Menschen, die Medikamente einnehmen und/oder an Essstörungen, Diabetes Typ 1, Nierenleiden, niedrigem Blutdruck, Stoffwechselerkrankungen oder chronischen Krankheiten leiden nicht fasten.

Wenn bei Ihnen nichts gegen das Fasten spricht, trauen Sie sich, lassen Sie sich auf das Abenteuer ein und erfahren Sie, wie viel aus dem Nichts entstehen kann..

Methoden:

Heilfasten nach Buchinger:

  • 5 Tage bis 3 Wochen
  • Nur Flüssignahrung 2 x am Tag (ein Viertelliter Gemüsebrühe, Saft, Kräutertee, Wasser)

Intervallfasten:

  • 16 Stunden nichts essen
  • Oder 2 Tage pro Woche fasten

Weitere Hintergrundinformationen und praktische Fastenanleitungen:

Geo, 03/16, Fasten- „Warum kluger Verzicht die beste Medizin ist“, S. 30-45

„Wie neugeboren durch Fasten“ von Dr. med Hellmut Lützner, Gräfe & Unzer, München 2004