Fehler – Scham und Chance unseres Lebens

Dem Nachmieter den falschen Schlüssel geben, eine Mail ohne angekündigten Anhang versenden, Orangensaft statt Milch in die Kaffeetasse schütten, die Abfahrt auf der Autobahn verpassen – Fehler passieren uns allen und sie ärgern uns, wir schelten uns, nicht aufgepasst zu haben. Ursache solcher Fehler sind meist eine fehlende Aufmerksamkeit und Konzentration, Ablenkung, aber auch Müdigkeit oder Stress. Passieren sie gehäuft, kann das ein Alarmzeichen sein, überfordert zu sein und sich mehr Ruhe und Entspannung geben zu müssen.

Sind die Auswirkungen der Fehler überschaubar, geraten sie zum Glück schnell in Vergessenheit. Aber wie gehen Menschen mit Fehlern um, die ein Leben einschneidend verändern? In Ian McEwans Roman „Abbitte“ begeht die Figur Briony einen tragischen Fehler: Das 13-jährige Mädchen beschuldigt den Freund ihrer älteren Schwester der Vergewaltigung an ihrer Cousine und zerstört damit das Leben des Paares. Die Erkenntnis darüber, den Partner ihrer Schwester zu Unrecht beschuldigt zu haben, gewinnt sie erst als junge Erwachsene und tief erschüttert über ihre Schuld wird ihre lebensbestimmende Frage: Ist es möglich, einen solch gravierenden Fehler wieder gut zu machen? Und wenn ja, wie?

Wie können wir mit Fehlern umgehen?

Ganz gleich, ob nur wir selbst oder auch andere von dem Fehler betroffen sind, ist das Eingeständnis das Erste und Wichtigste, was wir tun können. Das Wort Fehler wurzelt auf dem lateinischen Begriff „Falla“, der übersetzt „Betrug“ oder „Täuschung“ bedeutet. Das Eingeständnis uns selbst und gegebenenfalls anderen gegenüber stellt das Unrechte richtig. Es wird dadurch nicht ungeschehen, doch es schafft wieder eine gemeinsame Basis, was richtig und was falsch ist. Und es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.

Selbstvorwürfe hingegen sind wenig hilfreich, um aus Fehlern lernen zu können. Denn die Gefahr in Selbstzerfleischung zu verharren, ist dabei groß. Bei der Betrachtung des Fehlers sollte außerdem nicht die Gesamtpersönlichkeit vergessen werden, an die Stärken und liebenswerten Seiten darf erinnert werden, denn auch das gehört zur ehrlichen Auseinandersetzung. Kurz: Ich habe versagt, aber ich bin kein Versager.

Der Blick auf das Geschehene sollte abgelöst werden durch den Blick auf die Zukunft. Nachdem die Fehlerursachen klar und bewusst sind, ist die logische Konsequenz zu planen, wie dieser Fehler nicht mehr passieren kann. Oder auch: Welche Handlungsmöglichkeiten bieten sich in der Situation, die ein Fehler verursacht hat. Was kann ich über mich lernen?

Wer sich beispielsweise den Eltern zuliebe oder aus mangelnder Auseinandersetzung mit der Studienwahl für ein Fachgebiet entschieden hat, das ihn nicht interessiert, ihn über- oder unterfordert, kann das Lehrgeld der verlorenen Semester dafür nutzen, sich in Zukunft besser abzugrenzen oder sich mit den Fragen auseinanderzusetzen, welche persönlichen Interessen, Ziele und Werte wichtig sind. Eine ehrliche und zugleich nachsichtige Haltung zu sich fördert da die Entfaltung und Weiterentwicklung. Das Unvorhersehbare, Ungewisse und nicht Planbare im Leben anzuerkennen gibt eine stärkere Gelassenheit und Souveränität. Wer Fehler einkalkuliert, wird mutiger. Denn warum sollte man Situationen meiden, nur weil Fehler passieren könnten?

Und manchmal führen Fehler auch zu großen Entdeckungen: Hätte Christoph Kolumbus 1492 richtig navigiert, hätte er Amerika nicht entdeckt. Und wäre Alexander Fleming 1928 ein bisschen ordentlicher gewesen und hätte seinen Arbeitsplatz gut aufgeräumt, dann hätte er die im Labor vergessene Agarplatte, die mit einem Schimmelpilz überzogen war, nicht entdeckt, die ihn zur Erfindung des Penicillins anregte.

Um es mit James Joyce zu sagen: „Fehler sind das Tor zu neuen Entdeckungen“. Vielleicht entdecken wir nicht gleich einen neuen Planeten – aber vielleicht eine neue Welt für uns.