Gerechtigkeit macht Schule

1992 gründete Cecilie Sircar in der indischen Millionenmetropole Kolkata die Initiative Lake Gardens Women & Children Development, um Mädchen aus den Slums den Zugang zur Schule zu ermöglichen. Seitdem hat sich dank ihres Engagements viel getan und für ihre beeindruckende Leistung wurde Sircar 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Wir sprachen mit der Gründerin der Initiative Lake Gardens Women & Children Development über ihre Motivation, ihren Alltag, die Erfolge und Ziele ihrer Hilfsorganisation.

Frau Sircar, wie kam es zu der Gründung der Hilfsorganisation?

Cecilie Sircar: Durch meine Heirat mit Shyamal Sircar, der aus Kolkata stammt und nach Deutschland auswanderte, lernte ich schon früh Kolkata kennen und habe mich bei Besuchen in Indien oft in dem südlichen Stadtteil Lake Gardens aufgehalten. Dort gibt es mehrere Slums, in denen viele Mädchen mit ihren Familien entlang der Bahngleise leben. Ihre notdürftig errichteten Hütten sind immer wieder von Räumung bedroht. Durch eine Feldstudie fand ich 1991 heraus, dass nur 50 Prozent der Mädchen aus den Slums eine Schule besuchten, im Gegensatz zu den Jungen, die fast alle zur Schule gingen. Dagegen wollte ich etwas tun. Bewusst habe ich diese Gegend für die Errichtung des Mädchens Centers gewählt, um den Mädchen und Frauen eine Anlaufstelle zu bieten. Es wurde in der Folge ein Verein gegründet. Mit 24 Mädchen wurde das Projekt in einer kleinen Wohnung gestartet.

Wie können wir uns den Alltag bei Lake Gardens ganz konkret vorstellen?

Sircar: Inzwischen arbeiten wir in drei verschiedenen Gebieten von Kolkata. Die Zentrale und Leitung befinden sich im Stadtteil Lake Gardens. In der Zentrale herrscht ein reges Treiben: Wir arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb. Die Kita ist von 8.00 bis 12.00 Uhr geöffnet, hier werden Kinder im Alter von sechs Monaten bis sechs Jahren betreut. Von 12.30 bis 15.30 kommen Kinder der ersten bis vierten Klasse zur Hausaufgabenbetreuung, von 16.00 bis 19.00 Uhr Kinder der fünften bis zehnten Klasse.
Die Eltern sind nicht in der Lage, den Kindern bei den Hausarbeiten zu helfen. Monatlich sind Elternbesprechungen. Wir freuen uns, dass viele Mütter daran teilnehmen. Primäres Ziel des Centers ist es, die Grundbedürfnisse der Kinder durch eine tägliche warme Mahlzeit und ärztlich-medizinische Versorgung zu erfüllen, sowie die Mädchen zu motivieren, die zehnte Klasse abzuschließen. Die Mädchen sollen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden und ihren Anlagen entsprechend Wissen erhalten. Parallel dazu läuft in unserem Hauptgebäude nach einem ausgefeilten Stundenplan die Weiterbildung.

Wie hat sich Lake Gardens seit der Gründung entwickelt?

Sircar: Das Angebot hat sich erweitert und umfasst inzwischen die Betreuung von Kleinkindern, Mutter-Kind-Kurse, Nachhilfeunterricht, Ernährungs- und Gesundheitsberatung, Berufsausbildung, Kleinkreditprogramm, Müttergruppen und die Betreuung von Frauenselbsthilfegruppen in verschiedenen Slums in Kolkata. Die Mädchen, die zu uns kommen, gehen inzwischen fast alle zu den Regierungsschulen und nehmen bei uns den Nachhilfeunterricht in Anspruch.

Was konnten Sie seitdem aufbauen und erreichen?

Sircar: Der stetig steigende Zulauf von Mädchen und jungen Frauen machte eine Vergrößerung der Räumlichkeiten notwendig. Es konnte ein neues Haus aus Spendenmittel erworben und mithilfe des Deutschen Generalkonsulates renoviert werden. Heute besuchen circa 500 Mädchen und Frauen das Center. Der Anteil der Mädchen, die eine Schule besuchen sind auf 98 Prozent gestiegen. Es ist vielen gelungen, sich beruflich zu qualifizieren, eine Anstellung zu bekommen und ihren Kindern wiederum eine gute Schulbildung zukommen zu lassen. Die dadurch bedingten Verbesserungen des Einkommens, des Ansehens sowie dass ihnen nun ein Mitspracherecht in der Ehe eingeräumt wird, führt zu einer spürbaren Veränderung der Verhältnisse im gesamten Gebiet. Die Änderung im Denken der Menschen im Ansatz zu erreichen, war ein weiteres Ziel. Man kann heute viel Fleiß, Pünktlichkeit und Disziplin feststellen. Sie legen Wert auf Sauberkeit und Hygiene.

Ihre Organisation leistet also nicht nur Hilfe durch ein Bildungsangebot?

Sircar: Richtig, wir sind zudem Mitglied in verschiedenen Netzwerken, die beispielsweise Schutz gegen sexuellen Missbrauch und die die Einhaltung von Frauen- und Kinderrechten einfordern. Das Center ist nicht nur Bildungsstätte, sondern darüber hinaus Anlaufstelle für Mädchen und Frauen, die durch das Erleben häuslicher Gewalt traumatisiert sind und Hilfe brauchen.
Die Angebotspalette wurde auf alleinverdienende Mütter ausgedehnt. Auch diese Arbeit zeigt bereits Erfolge. Mittlerweile haben 16 Frauengruppen sich mit 10 bis 12 Personen gebildet, die an einem Spar- und Darlehnsprogramm teilnehmen. Sie sparen regelmäßig Geld an und können dann einen Kredit beantragen. Sie müssen nicht mehr Wucherzinsen zahlen. Weiterhin werden sie von Fachkräften ausgebildet und erlernen zum Beispiel Saris bedrucken, Kerzen und Gewürze herstellen und verkaufen. Sie können sich so ein finanzielles Polster schaffen.
Der Aufbau von Selbsthilfegruppen für Frauen in den Slums zur Durchsetzung ihrer Rechte in den noch ziemlich patriarchal strukturierten Slums ist in letzter Zeit sehr erfolgreich, ebenso wie die Ernährungshilfeprogramme, in denen den jungen Frauen vermittelt wird, wie sie mit wenig Geld auf lokalen Märkten nahrhafte und kalorienreiche Lebensmittel kaufen und zubereiten können. Leider spielt die Unterernährung noch immer eine große Rolle.

Wie viele Mädchen sind seit der Gründung schon in den Genuss einer Ausbildung durch Lake Gardens gekommen?

Sircar: Wir konnten bei der Berufsausbildung im Durchschnitt eine Abschlussquote von 90 Prozent vermerken. Fast alle haben nach Abschluss der Ausbildung geheiratet. Viele weit weg vom Center. Ein Teil hielt regen Kontakt zum Center und ist glücklich in ihrem Beruf. Insgesamt haben wir mehr als 1.000 Mädchen zu einer Ausbildung verholfen.

Welche Berufe können sie erlernen?

Sircar: In der Regel beginnen sie die Berufsausbildung mit 15 Jahren. Sie können bei uns eine Ausbildung an der Strickmaschine machen, schneidern, Handarbeiten, IT, Kosmetik und Massage lernen. Es sind einjährige Kurse. Nach einer anspruchsvollen Prüfung erhalten sie ein Zertifikat. In einem Bildungsinstitut werden Mädchen als Büroassistentinnen ausgebildet. In Indien gibt es kein Berufsausbildungssystem wie in Deutschland. Fast 80 Prozent der jungen Frauen, die über uns eine Ausbildung durchlaufen haben, fanden eine gute Anstellung.

Welche Ausgaben hat Lake Gardens im Jahr und wofür? Bekommen Sie noch finanzielle Unterstützung außerhalb der Spendengelder, beispielsweise von staatlicher Seite?

Sircar: Leider erhalten wir keine regelmäßigen finanziellen Zuwendungen von staatlichen Stellen. Es werden allerdings gelegentlich öffentliche Räume für Veranstaltungen und Weiterbildungen kostenlos zur Verfügung gestellt. Projektbezogen beteiligen sich terre des hommes, Kindernothilfe e.V., Indienhilfe e.V. Herrsching und German Doctors e.V. mit unterschiedlichen Beträgen und auch Kooperationen an der Arbeit des Centers. Unser Förderverein überweist jährlich 50.000 Euro für die laufenden Kosten von Mutter- und Kind-Kursen, Kindergärten, Hausaufgabennachhilfe, Ausbildungskursen, warmen Mahlzeiten usw. Die Gesamtausgaben belaufen sich auf etwa 200.000 Euro im Jahr.

Welche Projekte wollen Sie in Zukunft realisieren? Welche Mittel brauchen Sie?

Sircar: Mich würde es freuen, wenn wir die Handarbeitsabteilung vergrößern könnten, wofür lediglich ein Betrag von 2.000 Euro benötigt würde. Die Arbeit mit den Frauengruppen in den Slums soll weiter ausgebaut werden, wobei ich dazu noch nicht genau sagen kann, welche Mittel benötigt werden. Die vielen Projekte, die bislang gut laufen, sollen möglichst erhalten bleiben. Es wäre schon schön, wenn wir es schaffen könnten, weiterhin so viele Spenden, wie bisher jährlich zu erhalten. Dies wird allerdings seit Jahren immer schwerer.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft

Sircar: Wir arbeiten nach dem Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ und hoffen natürlich, dass die Arbeit irgendwann mal so erfolgreich sein wird, dass sie nicht mehr notwendig ist. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Vielen Dank für das Interview, Cecilie Sircar.

Die Arbeit von Lake Gardens hat uns sehr überzeugt, wir unterstützen die Organisation regelmäßig.

Wenn auch Sie gerne helfen möchten, können Sie auf folgendes Konto eine Spende überweisen:

Spendenkonto

Freunde und Förderer

Lake Gardens e.V.

VR-Bank Rhein-Erft e.G.

IBAN: DE11 3716 1289 1015 2310 13

BIC: GENODED1BRH

Bitte vergessen Sie nicht, auf der Überweisung Ihren Namen und Anschrift anzugeben, damit Ihnen Ende des Jahres eine Spendenbestätigung zugesandt werden kann.

Wer wie wir Lake Gardens als Mitglied regelmäßig unterstützen möchte, kann dies auch mit einer jährlichen Spende tun:

http://www.lakegardens.org/doc/Beitrittserklaerung_Lake_Gardens_e_V.pdf

Weitere Informationen zu Lake Gardens finden Sie hier.