Lesen, das Lebenselixier

„Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler“, so Schriftsteller Philippe Dijan und nahm vorweg, was Forscher der Universität Yale in einer Studie feststellten: Bücher sind Medizin und sogar Lebenselixier.

Mehr als 3.600 Teilnehmer über 50 Jahre wurden bei der Studie in drei Gruppen aufgeteilt: Nichtleser, Leser, die bis zu 3,5 Stunden pro Woche lasen und Vielleser, die mehr als 3,5 Stunden pro Woche lasen. Die Studie war auf einen Zeitraum von zwölf Jahren ausgelegt, das Ergebnis: Die Lebenserwartung der Probanden, die wöchentlich bis zu dreieinhalb Stunden lasen, war 17 Prozent höher als die Lebenserwartung der Nichtleser. Bei den Viellesern, die pro Woche mehr als dreieinhalb Stunden lesen, stieg die Lebenserwartung sogar um 23 Prozent. Faktoren wie Einkommen und Lebensstandard, Alter, Beziehungsstatus und Bildungsstand wurden miteinbezogen, unverändert blieb das Resultat: Leser lebten im Durchschnitt fast zwei Jahre länger. Eine halbe Stunde täglich in einem Buch zu lesen, reicht bereits aus. Allerdings – es geht um das „Deep Reading“, also das konzentrierte, tiefe Einlassen auf den Inhalt eines Buches. Zeitungen oder Magazine haben diesen Effekt nicht.

Warum sind Bücher so heilsam für uns? Zum einen verringert Lesen Stress, es hilft uns, zu entspannen. Denn Bücher sind ein äußerst angenehmer, unterhaltsamer Weg ohne Nebenwirkungen, um Sorgen und Stress loszulassen. Ein Roman nimmt uns mit in andere Zeiten und Welten, wir lernen die interessantesten Menschen kennen und erleben Aufregendes. Wir können unser Denken, Erleben und Fühlen weiterentwickeln, der Horizont gewinnt an Weite. Dazu fördert Lesen die Vorstellungskraft und Kreativität. Im Lesen entdecken wir neue Lebenswelten und können so auch unser eigenes Leben mit einer anderen Perspektive betrachten. Wir finden neue kreative Lösungen. Unsere Denkleistung profitiert rundum, Lesen stimuliert die Gehirnzellen, es trainiert analytische Fähigkeiten, verbessert das Gedächtnis, das Vokabular und die Konzentrationsfähigkeit. So wirken Bücher auch vorbeugend gegen Altersdemenz, denn lebenslange geistige Aktivität schützt das Gehirn vor verfrühtem Abbau. Das Gehirn ist wie ein Muskel, der trainiert werden muss, um nicht zu verkümmern.

Sogar die emotionale Intelligenz verstärkt sich. Der Perspektivwechsel gelingt leichter, Lesen verbessert damit auch soziale Kompetenzen, so das Ergebnis erster Studien. „Theory of mind“ heißen die mentalen Prozesse, die voraussetzen, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und Mitgefühl zu entwickeln. Bei Menschen, die regelmäßig und viel lesen, ist diese „Theory of mind“ stärker ausgeprägt.

In einer Zeit, in der wir aktuell unser Leben stiller und zurückgezogener führen müssen, sind Bücher ein guter Weg, unser Fernweh und unsere Sehnsucht nach Erlebnissen zu stillen.  

Noch Leseanregungen gesucht? Hier finden Sie vier ganz persönliche Empfehlungen:

Juli Zeh: Unterleuten

Im brandenburgischen Dorf Unterleuten stehen dessen Bewohner stellvertretend für deutsche Vergangenheit und Gegenwart, Ost und West, gesellschaftliche Strömungen, Machtverhältnisse und Generationen. Wir erleben die Abgründe der menschlichen Psyche im Alltäglichen und darüber hinaus, wie sich im Streit um die Errichtung eines Windparks zeigt, welch tiefe Gräben unsere Gesellschaft spalten. Überwältigend, mit welcher Präzision und welchem Scharfsinn Zeh ihre Figuren und deren Beziehungsgeflecht aufbaut.

Marlen Haushofer: Die Wand

Die Erzählerin ist von einem Moment auf den anderen durch eine Glaswand von ihrer Umwelt getrennt, es gibt innerhalb der Glaswand keine Menschen mehr, außerhalb sind sie erstarrt. Sie ist völlig auf sich gestellt, ihre einzigen Gefährten sind Tiere. Mit welcher Geduld und Beherrschung sie sich an diese Situation anpasst, welche Stärke sie entwickelt, ist neben der gruseligen und erschreckenden Szenerie der völligen Isolation beeindruckend. Äußerst spannend und anregend, ein Roman, der wichtige Fragen aufwirft und nachhaltig beschäftigt.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Der Roman handelt von Jude und seinen lebenslangen Freundschaften, seinen erschütternden, zutiefst verstörenden Erlebnissen, von den dunkelsten und strahlendsten Seiten des Menschen und letztlich von der Frage, ob Liebe stärker als Grausamkeit ist. Seitenweise unerträglich bedrückend. Und zugleich wieder Mut gebend. Dieser Roman hinterlässt Spuren.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Es geht um nichts weniger als um Liebe und den Tod, Schauplatz ist ein kleines Dorf im Westerwald. Die Bewohner erleben Widerstände, Zumutungen, große Liebesgeschichten und manche träumen von Okapis als Todesvorboten. Feinfühlig und herzlich, lebensklug, traurig, schön und witzig geschrieben.