Mitstreiter gesucht – wie uns positives Streiten bereichert

Kennen Sie das? Sie kommen nach Hause und die Wohnung ist ein Schlachtfeld. Das Altpapier sieht wie eine Nachbildung des schiefen Turms von Pisa aus, im Schlafzimmer verteilen sich wild und bunt Socken, Pullis, Hosen und Shirts, manchmal auch zusammengerottet zu kleinen Haufen. Der Kühlschrank ist leer und auch die Spülmaschine, bereit für das Geschirr, das im Spülbecken seinen Zwischenstopp seit heute Morgen einlegt. Auf dem Sofa liegt lang gestreckt der oder die Liebste, liest gemütlich und stellt die Teetasse auf dem chaotisch vollgeräumtem Wohnzimmertisch ab. Das Blut schießt ins Gesicht, der Puls fängt an zu rennen bis er rast und der Körper fühlt sich an wie ein Kessel unter zu viel Druck. „Ah, bist Du schon da? Du, ich habe da was Interessantes gelesen, wusstest du, dass …“ – „… die meisten Unfälle im Haushalt passieren? Ja, ich weiß, aber ich finde, du solltest mal etwas Abenteuer in dein Leben lassen und die Wohnung aufräumen, nur ein einziges Mal! Ich hab’s so satt, dass das IMMER an mir hängenbleibt“. Statt sich reuevoll ans Werk zu machen folgt ein genervter Blick und der Kommentar, man solle sich doch nicht so künstlich aufregen, immer diese Meckerei und überhaupt gebe es doch Wichtigeres im Leben! Der Auftakt ist gemacht und der Streit gleich im vollen Gange – nur ist es leider keiner, der einen wirklichen Austausch oder gar eine Lösung schafft. Denn das Beharren auf der eigenen Position und Vorwürfe sind wahre Bremsklötze in der Kommunikation, man kommt einfach nicht weiter.

Wie geht es also besser?

Zunächst ist es wichtig, die Hintergründe der Kritik oder des Einwands zu verstehen. Vor allem, um sich nicht persönlich angegriffen zu fühlen, denn meist ist dies gar nicht das Ziel. Es kann eine Unsicherheit der Angreiferin oder des Angreifers sein, ein schlechter Tag und unterbewusst wurde nach einem Ventil für den Frust gesucht. Möglicherweise ist es auch ein anderes Verständnis von Humor, was als Spaß gemeint war, kommt als Angriff an. Hilfreich ist es, die Botschaft dahinter zu entschlüsseln und zwar entkoppelt von persönlichen Gefühlen. Dazu zählen auch Erwartungen an andere, die sich aus unseren Prägungen und Werten entwickelt haben. Unser Umfeld kann sie nicht erraten und selbst wenn, sind andere Menschen selbstverständlich nicht dazu verpflichtet, unsere Erwartungen zu erfüllen.

Wenn wir dies beherzigen, fällt es uns leichter, gelassener und weniger emotional in eine Diskussion zu gehen. Darüber hinaus ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, was wir erreichen wollen. Wir sollten konkrete Ziele für das Gespräch definieren statt den anderen überzeugen zu wollen. Zum Beispiel: den anderen und seine Gründe besser kennenlernen, in der Sache dazulernen, die eigene Position überprüfen. Denn: So sehr wir überzeugt sind, im Recht zu sein – Gespräche führen äußerst selten dazu, dass der andere seine Meinung ändert. Von diesem Wunsch können wir uns also eigentlich gleich verabschieden. Sechs bis acht Prozent der internationalen Konflikte eskalieren derart, dass die Fronten dauerhaft verhärtet sind, wie beispielsweise der Israel-Palästina-Konflikt. Um dies zu vermeiden, helfen – politisch wie privat – Regeln in der Kommunikation. Zunächst brauchen beide Parteien einen sicheren Raum, in dem ohne Angst gesprochen werden kann. Ein sensibler Umgang mit Sprache ist wichtig, es gilt also, abwertende Begriffe zu vermeiden. Je mehr die Komplexität eines Themas betont wird und je mehr man sich von einer Pro-Contra-Diskussion entfernt, desto größer ist die Chance, dass das Gespräch konstruktiv wird. Entscheidend ist der Wille, zuzuhören, nachzufragen und dazuzulernen, sich also wirklich auszutauschen. Dazu gehört die Fähigkeit, die Andersartigkeit des anderen anzunehmen. Und zu erkennen, dass es manchmal kein Richtig oder Falsch gibt, sondern nur zwei Sichtweisen, die sich unterscheiden.

Eine Maßnahme lässt Diskussionen besser gelingen: Wiederholen Sie die These des Gegenübers und fassen Sie sie zusammen. Sagen Sie, was Sie von ihm gelernt haben. Und erst dann nennen Sie Ihre eigene Kritik. Es zeigt dem anderen, dass man aufmerksam zugehört hat, er fühlt sich ernst genommen. Absolute Bedingung für ein fruchtbares Gespräch ist natürlich der Wille beider Seiten, dem anderen zuzuhören und ihn verstehen zu wollen.

Den konstruktiven Streit müssen wir im täglichen Miteinander pflegen, in Beruf, Partnerschaft, Familie, mit Freunden. Denn ohne eine kritische Auseinandersetzung mit den Standpunkten anderer funktioniert Familie, Freundschaft und auch friedliches Gemeinwesen nicht. Demokratie braucht zwingend die kritische Auseinandersetzung mit anderen Positionen, Streit ist lebenswichtig für die Gemeinschaft, im Kleinen wie im Großen. Wir müssen darüber diskutieren, welche Werte uns wichtig sind, wie wir das Zusammenleben gestalten wollen. Leider steckt unsere Streitkultur in einer Krise, statt konstruktiver Auseinandersetzung herrscht in unsere Gesellschaft Konsenssucht oder aggressive Polemik, Hasskommentare in sozialen Medien sind ein Auswuchs dessen. Zuhören und respektvolle Kommunikation wird selten und so zersplittert die Gesellschaft in Teilkulturen, die kaum noch miteinander kommunizieren.

Der Verein Streitkultur Berlin versucht dem entgegenzuwirken. Der Debattierclub trifft sich zu Diskussionen um Themen, die vorab vorgegeben werden, klare Kommunikationsregeln müssen eingehalten werden. Ein Ziel dabei: Sich austauschen und dabei Unterschiede aushalten. Auch das von Zeit online initiierte Projekt „Deutschland spricht“ hat das Ziel, die Diskussionsfreude zu wecken, die Bürger zum konstruktiven Streiten zu bringen. Mehr als 8000 Menschen mit politisch völlig unterschiedlichen Überzeugungen trafen sich im September 2018 zum politischen Zwiegespräch. In Zweiergesprächen diskutierten sie über kontroverse Fragen wie autofreie Innenstädte oder Steuern auf Fleischprodukte. Und noch einmal: Es ging nicht in erster Linie darum, sich am Ende des Gespräches auf einen Konsens zu einigen. Wichtig war es zu zeigen, dass der Austausch mit Andersdenkenden möglich ist, die gegenteilige Position nicht mehr pauschal verurteilt wird, sondern zu verstehen, wie der andere zu seinem Standpunkt gelangt ist.