Pubertät, die Zeit des Wandels

Nicht mehr Kind, noch nicht erwachsen, es ist eine Zeit des Umbruchs, des Suchens. Wer bin ich, wer will ich sein, wo ist mein Platz? Die Welt wandelt sich im Blick des Heranwachsenden und wird größer. Was früher sicher war, gerät heute ins Wanken. Was Eltern und Schule für richtig halten, wird kritisch hinterfragt, erstmals wird rebelliert, sich emanzipiert. Mit den Fragen entstehen Werte und Überzeugungen und mit ihnen der Wille, Entscheidungen selbst zu treffen. Der Geist verändert sich, der Körper verändert sich. Ein rasanter, anstrengender Prozess, das Tempo dabei ist zeitweise atemberaubend, überfordert manchmal.

Der lateinische Begriff „Pubertas“ bedeutet Geschlechtsreife – die Pubertät beginnt, wenn die Hirnanhangdrüse den Startschuss für die Produktion von Geschlechtshormonen gibt. Das führt nicht nur zu körperlichen Veränderungen, auch die Psyche ändert sich. Impulsivität, Euphorie und Niedergeschlagenheit, Wutausbrüche, Verletzlichkeit und Rückzug wechseln sich ab. Dazu kommt eine erhöhte Risikobereitschaft.

Grund ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, der Prozess, den das Kindergehirn bis zum Erwachsenengehirn durchläuft. Nicht alle Hirnregionen entwickeln sich dabei gleichmäßig. Anfangs kommt es zu einem Ausbau der Nervenfasern in der Großhirnrinde. Die Geschwindigkeit der Rechenleistung des Gehirns wächst um ein Vielfaches, Jugendliche beginnen genauso schnell zu denken wie Erwachsene. Was sie zu unerwartet starken Diskussionspartnern werden lässt. Das Verhalten Jugendlicher ist zunächst noch stark durch das limbische System beeinflusst, das für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Ebenfalls wichtig: die Dopaminrezeptoren. Diese sind bei Jugendlichen noch nicht sehr stark ausgeprägt, das heißt, Situationen, die Erwachsene aufregend finden, langweilen Jugendliche. Gemeinsam mit einem noch nicht voll entwickelten Präfrontalcortex eine explosive Mischung. Der Präfrontalcortex ist für die Impulskontrolle und langfristige Planung verantwortlich – und er reift als eine der letzten Hirnregionen aus. Konsequenzen unseres Tuns werden hier bedacht. Das Ungleichgewicht in der Entwicklung der Hirnregionen führt dazu, dass Gefühle schneller und stärker über das Verhalten entscheiden als Vernunft. So reagieren Jugendliche viel stärker mit Erregungszuständen wie Wut, Angst, Aggressivität. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen wächst – doch was zunächst positiv klingt, bringt genau in dieser Lebensphase auch Probleme mit sich. Wie nehmen andere mich wahr? In einer Zeit, in der die eigene Identität sich noch formt, kann die Frage verunsichernd bis belastend sein, insbesondere, wenn alles viel emotionaler wahrgenommen wird. Auch die Rezeptoren für Oxytocin verändern sich während der Pubertät. Das Hormon verstärkt soziale Bindungen, in der Pubertät spielt es eine Rolle für die Selbstwahrnehmung. Jugendliche kreisen mit ihren Gedanken viel um sich, wollen selbstbewusst auftreten, etwas Besonderes sein. Ihr Trick: Coolness und die bekannte „Mir egal“-Haltung.

Die Verwandlung vom Kind zum Erwachsenen ist eine Art Ausnahmezustand. Da braucht es manchmal auch ein wenig Coolness der Eltern. Und die Bereitschaft, die jugendliche Neigung, Normen und Werte in Frage zu stellen, als Chance für die Entwicklung der Gesellschaft sehen. Die Fridays-for-Future-Bewegung beispielsweise hat ziemlich gute Argumente.

Tipps

Wie Sie wissen, ist es natürlich so: „Pubertät ist die Zeit, in der die Eltern anfangen, schwierig zu werden“. Deshalb hier unsere Tipps für Eltern.

Was tun, wenn …

… Schweigen oder einsilbige Antworten der Heranwachsenden den Dialog im Keim ersticken?

Wenn Kinder wissen, dass die Eltern aufmerksam und offen zuhören, wenn es darauf ankommt, wenn sie versuchen, sich einzufühlen, ohne direkt zu urteilen, wenn sie sich Zeit nehmen, je nach Situation einfach nur da sind oder gemeinsam mit dem Kind eine Lösung finden, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie sich auch anvertrauen.

Um konstant im Gespräch zu bleiben und die Verbindung zu halten, sind Rituale hilfreich. Was für jüngere Kinder wichtig ist, kommt auch Jugendlichen zu Gute. Beispielsweise das gemeinsame Abendessen als Raum für den Austausch über das Alltägliche, was Jugendliche aktuell beschäftigt, was im persönlichen Umfeld passiert, aber auch zum Beispiel das Tagesgeschehen. Werden sie und ihre Meinung ernst genommen, haben sie auch Lust von sich zu erzählen.

… Streit und Geschrei den Alltag beherrschen?

Die Erwachsenen entscheiden, welchen Konflikt sie austragen. Das bedeutet, nicht direkt auf jede Provokation einzugehen, sondern durchatmen, nachdenken und dann reagieren, möglichst besonnen. Denn die Emotionalität Jugendlicher braucht gelassene Sachlichkeit als Ausgleich.

Manchmal lässt sich ein Streit nicht vermeiden. Dann braucht es eine klare Linie und die Bereitschaft, Normen und Grenzen zu setzen und auch ein „Nein“ auszusprechen. Gleichzeitig ist es aber auch, je nach Thema, wichtig, Kompromisse auszuhandeln.

Positive Konsequenzen, also Belohnung, motiviert stärker als Bestrafung. Zeigt sich das Kind verlässlich, kommt es zum Beispiel pünktlich nach Hause, kann die Ausgehzeit verlängert werden.

… Jugendliche im Streit verletzen?

Vor kurzem waren Mama und Papa die Tollsten und Besten, jetzt sind sie nur noch peinlich und verstehen gar nichts. Ein Streit mit Heranwachsenden kann verletzend sein. Wie gehen Eltern damit um? Auch wenn es schwer fällt, gilt es, souverän zu bleiben. Dazu gehört, nicht nachtragend zu sein. Gleichzeitig dürfen und sollen Eltern aber auch Grenzen ziehen, zum Beispiel mit einem bestimmten „So redest du nicht mit mir“.

Dauert der Konflikt länger an und haben Eltern das Gefühl, nicht mehr zu ihrem Kind durchzudringen, sollten sie sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, beispielsweise in einer Erziehungsberatungsstelle. Hier können eingefahrene Muster auf beiden Seiten überwunden werden und neue Ideen entwickelt werden, um die Eltern-Kind-Beziehung wieder zu verbessern.

… das Loslassen schwerfällt?

Dass Kinder selbständig werden, ihren eigenen Weg gehen, ist eigentlich das Ziel und dennoch fällt es schwer, dies zu akzeptieren. Die Entwicklung der Kinder ist rasant, schwierig sich so schnell darauf einzustellen. Und dann konfrontiert sie mit dem eigenen Älterwerden. Der Versuch, als Freund des Kindes aufzutreten, ist keine gute Idee. Freunde haben die Kinder bereits, Mutter und Vater sind einzigartig in ihrer Rolle und werden genau darin gebraucht.

Aber, mit zunehmenden Alter eben immer weniger. Weniger gebraucht zu werden, ist zwar einerseits hart. Es zeigt aber auch, dass Eltern ihre Sache sehr gut gemacht haben, wenn Jugendliche voller Neugier und Selbstvertrauen die Welt entdecken und ihr Leben immer mehr in die Hand nehmen. Apropos Vertrauen, er ist der Schlüssel im Loslassen. Und Kinder wissen, sie können auf ihre Eltern zählen, wenn sie sie brauchen.

… wenn Eltern etwas von ihren heranwachsenden Kindern lernen können?

Sich freuen! Denn Pubertierende leben die Fähigkeit zur Veränderung vor, manchmal auch in einer Radikalität, die Erwachsene schreckt. Die manchmal aber nötig ist. Und nicht alles als gegeben hinzunehmen, sondern manches wieder grundlegend in Frage zu stellen, kann sehr befreiend und die Basis für positive Entwicklungen bedeuten.