Vater sein – eine Rolle vorwärts

Was bedeutet es heute für Männer, Vater zu sein? Welches Selbstverständnis haben sie und welche Ansprüche stellen sie an sich? Wie gestalten sie ihren Alltag mit Kind und welche Wünsche haben Väter heute?

Mit der wachsenden Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel werden einstmals festgelegte Rollen umgeschrieben. Der Vater als Ernährer und Familienoberhaupt, der mit der Kindererziehung und -betreuung schon aus Zeitgründen nur punktuell in Berührung kommt, ist ein auslaufendes Modell. Laut „Väterreport – Vater sein in Deutschland heute“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wollen rund 70 Prozent der Väter sich mehr um ihre Kinder kümmern als ihre Väter dies taten. Sie übernehmen mehr Verantwortung, kümmern sich beispielsweise, wenn das Kind krank ist: Anträge von Vätern für Kinderkrankengeld haben sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Es ist Vätern wichtig, die Entwicklung ihrer Kinder von Anfang an zu erleben und eine enge Bindung zu ihnen aufzubauen. Denn sie bewerten die Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen als persönlichen Gewinn. Für 60 Prozent der Paare mit Kindern ist deshalb eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung, bei der beide Partner gleich viel Zeit für Beruf und Familie einbringen, das Ideal. Ein Ideal, das bislang allerdings nur 14 Prozent der Eltern verwirklichen.

Laut Statistischem Bundesamt bezogen 433.000 Männer im Jahr 2018 Elterngeld, unter den Frauen waren es im Vergleich 1,4 Millionen. Zehn Jahre nach Einführung des Elterngeldes und der Partnermonate nehmen 35 Prozent der Väter Elternzeit in Anspruch – und zwar exakt die Mindestanzahl von zwei Monaten. Die wenigsten arbeiten Teilzeit, 80 Prozent der Väter leisten eine Wochenarbeitszeit von mehr als 36 Wochenstunden. Und das obwohl sich 79 Prozent der Väter wünschen, mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Was aber steht der Verwirklichung ihres Wunsches im Weg?

Sind alte Rollenbilder doch noch präsenter, als wir es uns eingestehen möchten? Erinnern wir uns an die empörten Reaktionen auf die Werbung einer Supermarktkette. Darin wurden völlig überforderte Väter gezeigt, die im Umgang mit ihren Kindern einfach alles falsch machen – Haare beim Kämmen ziepen, den Basketball ins Gesicht werfen, die Küche bei der Essenszubereitung in ein Schlachtfeld verwandeln. Auflösung: Danke, Mama, dass du nicht Papa bist. Der humorvoll gemeinte, mit Klischees spielende Spot, der kurz vor Muttertag gezeigt wurde, traf offensichtlich und schmerzhaft einen Nerv. Und er provozierte einen lauten Aufschrei: „Selbstverständlich können wir Väter uns genauso gut um unsere Kinder kümmern wie die Mütter es tun!“. Es folgte ein Sturm der Entrüstung: Petitionen zum Boykott und Aufrufe gegen Männerdiskriminierung in den sozialen Medien. Schließlich rügte der Werberat offiziell den Spot.

Das hohe Maß der Empörung lässt aufmerken. Warum so empfindlich? Weil es um nichts Geringeres als um unsere Werte geht. Um Gerechtigkeit, sie ist Motiv und Ziel von Gleichberechtigung. Es sind Werte, die unser Selbstbild betreffen, unser privates Leben und das gesellschaftliche. Sie werden mit aller Macht verteidigt und beschützt, denn Gleichberechtigung ist noch jung und fragil im Vergleich zu den jahrhundertealten Rollenverteilungen. Diese hallen noch nach, deutlich sichtbar im Berufsleben. Die Ursache, weshalb ein Großteil der Väter sich und ihrer Familie nicht den Wunsch nach mehr Zeit für die Familie erfüllen kann? Unser Arbeitsleben ist stark auf die Präsenzkultur ausgerichtet, vorherrschende Meinung ist noch immer: Nur wer da ist – und zwar möglichst oft und lange – arbeitet auch. Das macht es Vätern wie Müttern schwer. Aber auch strukturelle Hürden wie die Gender Pay Gap oder mangelnde Vereinbarung von Familie und Beruf (es fehlen 273.000 Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren) stehen einer egalitären Zeitaufteilung der Elternteile bei der Kindererziehung im Weg.

Was also tun?

Sicher muss die Politik mit Gesetzesgrundlagen und der Schaffung von familienfreundlichen Rahmenbedingungen Lösungen bieten. Aber auch Unternehmen sind gefragt, umzudenken und sich innovativen Konzepten für die Arbeitswelt zu öffnen – von neuen, flexibleren Arbeitszeitmodellen bis zu virtuellen Teams, die beispielsweise ein Arbeiten von zu Hause aus ermöglichen. Dieses Umdenken ist nicht nur ein gesellschaftlich wichtiger Beitrag, sondern wird für Unternehmen notwendig sein, um Herausforderungen der Zukunft wie u.a. den Fachkräftemangel erfolgreich zu meistern. Und schließlich ist selbstverständlich jeder einzelne gefragt. Wir brauchen die Solidarität mit Müttern und mit Vätern. Es gilt, eine gesellschaftliche Stimmung zu schaffen, in der Väter ihre Rolle neu gestalten dürfen. Als gleichberechtigtes Elternteil.