Verstehen wir uns?

Wir alle wünschen uns positive Beziehungen in unserem Leben. Ganz gleich, ob in der Familie, in Freundschaften, in der Partnerschaft, mit Vorgesetzten, Mitarbeitern, Kollegen oder den Nachbarn – ein respektvoller, freundlicher und interessierter Umgang gibt uns ein Gefühl von Sicherheit, Akzeptanz, Wertschätzung und Verbundenheit. Grundlage hierfür ist eine gelungene Kommunikation. Sich gut zu verstehen, bedeutet nicht nur, das Gesagte des Gesprächspartners akustisch, sprachlich und inhaltlich erfassen zu können, es meint weiter die Fähigkeit, sich in die Gedanken, Beweggründe und Emotionen des anderen hineinversetzen zu können und zu wollen. Unvoreingenommen nachzufragen und verstehen zu wollen. Es erfordert Offenheit und die Bereitschaft, die Worte des anderen genauso wichtig zu finden wie die eigenen.

Das ist manchmal gar nicht so leicht, wir alle wissen wie schnell ein Konflikt entstehen kann. Besonders bedauerlich ist es, wenn dieser Konflikt auf einem Missverständnis beruht. Doch selbst wenn unterschiedliche Meinungen, Überzeugungen oder Erwartungen die Ursache sind, erleben wir nach einer zugewandten und offenen Aussprache, dass unsere Positionen vielleicht gar nicht so unterschiedlich sind. Oder wir zumindest Verständnis für die Haltung des anderen haben können.

Doch wie können wir das erreichen?

Ein hilfreiches, inzwischen weltweit bekanntes Konzept hierzu ist die von Marshall B. Rosenberg entwickelte „Gewaltfreie Kommunikation“. Der Psychologe war sich sicher, dass es nicht nur darauf ankommt, was wir sagen, sondern auch wie. Er nahm an, die meisten zwischenmenschlichen Konflikte entstünden, weil wir unsere Bedürfnisse in Dialogen falsch kommunizieren, indem wir eine wertende und verurteilende Sprache gebrauchen.

Und so geht es besser – gewaltfreie Kommunikation in vier Schritten:

  1. Beobachtung:

Zunächst sollte die Situation ohne Wertung oder Interpretation wahrgenommen werden.

Beispiel: „Zu unseren letzten drei Verabredungen bist du eine halbe Stunde zu spät gekommen”.

  • Gefühl:

Anschließend sollten Emotionen erspürt und mit Worten benannt werden.

Beispiel: „Das macht mich ärgerlich und traurig”.

  • Bedürfnis:

Aus diesem Gefühl lässt sich ein Bedürfnis erkennen, welches ebenfalls zu benennen ist.

Beispiel: „Ich wünsche mir mehr Wertschätzung”.

  • Bitte:

Ist das Bedürfnis klar erkannt, sollte daraus eine Bitte am besten um eine konkrete Handlung abgeleitet werden.

Beispiel: „Bemühst du dich bitte, bei unserer nächsten Verabredung pünktlich zu sein?”.

Zusammengefasst:

Wenn ich a sehe (Beobachtung), dann fühle ich b (Gefühl), weil ich c brauche (Bedürfnis). Deshalb möchte ich jetzt gern d (Bitte).

Klingt eigentlich ganz einfach, nicht wahr? Doch wie schnell werten wir fast schon automatisch eine Situation, sprechen einen Vorwurf aus, der beim anderen wiederum schnell als Angriff aufgefasst wird und zu Gegenwehr oder Rechtfertigung führt. Die Situation ist dann nicht geklärt.

Ein gelungenes Gespräch setzt eine Offenheit voraus. Sprechen Sie von Ihren eigenen Gedanken und Gefühlen und formulieren Sie diese in Ich-Aussagen. Beziehen Sie sich auf konkrete Situationen und vermeiden Sie unbedingt Verallgemeinerungen wie „immer“ oder „nie“. Denn das ruft Widerspruch hervor und lenkt von der eigentlichen Situation ab. Bei dieser sollte es im Gespräch inhaltlich auch ausschließlich gehen, bleiben Sie beim Thema. Sonst läuft das Gespräch Gefahr, völlig vom eigentlichen Thema abzukommen. Und auch für das Zuhören gelten hilfreiche Regeln: Zeigen Sie durch Blickkontakt und unterstützende Gesten wie Nicken auch nonverbal Interesse und Aufmerksamkeit. Eine zugewandte Körperhaltung und Ermutigungen wie „Ich würde gern mehr darüber hören“ verstärken die Bereitschaft zum Öffnen und Erzählen. Fassen Sie die wichtigsten Aussagen möglichst in eigenen Worten zusammen. So zeigen Sie, dass Sie den anderen verstanden haben. Stellen Sie offene Fragen wie „Wie ging es Dir dabei?“, „Woran hast Du das gemerkt?“. Das Gute: Offene Fragen ersparen ganz einfach unnötige Interpretationen und ermutigen den anderen, sich tiefer auf das gewählte Thema einzulassen. Es gibt natürlich Situationen, in denen es schwer möglich ist, mit Verständnis auf den Sprecher zu reagieren, wenn die Äußerungen Sie zum Beispiel verärgert und verletzt haben. Melden Sie Ihre Gefühle zurück, aber bleiben Sie bei sich. Auch wenn ein Gespräch einmal kontrovers ist, sollte dennoch jeder Beteiligte das Gefühl haben, mit seinem Anliegen und Gefühlen ernst genommen worden zu sein.