Wer hören will, wird fühlen

Welche Wirkung hat Musik auf uns? Mediziner, Psychologen und Pädagogen erforschen diese Frage mit erstaunlichen Ergebnissen. Musik hat nachweislich einen starken Einfluss auf unsere Stimmung, auf unser Gedächtnis, sie kann entspannen, Schmerzen lindern und die kindliche Entwicklung positiv beeinflussen, unter anderem darin, die soziale Kompetenz zu steigern.

Auch das US-Militär hat die Macht der Musik für sich entdeckt – und als Waffe genutzt. Im Jahr 1989 flüchtete Panamas Diktator Manuel Noriega vor den US-Streitkräften in die vatikanische Botschaft. Da das Militär den diplomatisch geschützten Ort nicht angreifen durfte, ging es einen anderen Weg und versuchte Noriega herauszutreiben. Militärgeländewagen mit darauf montierten Lautsprechern umstellten die Botschaft und beschallten sie mit Musik von Rick Astley bis AC/DC. Noriega ergab sich nach zwei Tagen. Rausschmeißermusik gewinnt hier eine völlig neue Bedeutung.

Doch wenn Musik als schön empfunden wird, kann sie eine enorm positive Wirkung entfalten. Sie verändert unseren Herzschlag, den Blutdruck, die Atemfrequenz, Muskelspannung und den Hormonhaushalt. Durch sanfte, ruhige Klänge wird die Ausschüttung von Stresshormonen verringert. Eine Studie von Myriam V. Thoma von 2013 untersuchte die Auswirkung von Musik auf das menschliche Stress-System. 60 Testpersonen hörten vor einem Stresstest entweder Entspannungsmusik, das Geräusch von plätscherndem Wasser oder keinerlei akustische Stimulation. Wer Entspannungsmusik hörte, wies nach dem Stresstest signifikant weniger Stresswerte (Cortisol) im Blut auf als die Teilnehmer der anderen Gruppen.

Musik hilft darüber hinaus bei Erkrankungen, denn die Konzentration schmerzkontrollierender Betaendorphine wird durch Musik erhöht. Diese Wirkung machen sich Psychiatrie und Schmerztherapie zu Nutze, Musik wird hier therapeutisch eingesetzt. Klinische Studien weisen auf positive Effekte bei vielen weiteren Erkrankungen hin: Von Augenerkrankungen, Depressionen, Demenz, über Krebs bis hin zu Tinnitus reicht das Spektrum an medizinischen Untersuchungen.

Auch die Schwangerschaft und Geburt kann Musik positiv beeinflussen. Studien konnten nachweisen, dass Musik während der Schwangerschaft Ängste mindert und im Kreißsaal entspannend, schmerzlindernd und stressreduzierend wirkt.

Frühgeborenen im Berliner Waldkrankenhaus spielte Professor Harald Schachinger über Kopfhörer speziell ausgewählte Musik vor und konnte feststellen, dass ihr Herzschlag wesentlich stabiler und gleichmäßiger wurde. Wenn die Musik das richtige Tempo hat, ergibt sich sogenannter Kopplungseffekt: Der Herzschlag koppelt sich dem vorgegeben Rhythmus an.

Als Therapeutikum hat Musik keine Altersbegrenzung, auch in der Geriatrie wird sie eingesetzt. Denn Musizieren hat eine positive Wirkung auf die Gedächtnisleistung, es kann den Abbau von Nervenzellen im Gehirn alter Menschen verhindern. Apropos Gedächtnis und Musik: Alles, was gesungen wird, kann der Mensch sich besser merken. Nicht ohne Grund wurden und werden Kirchenlieder gesungen, der Inhalt bleibt im Gedächtnis haften. Dieser Effekt kann auch beim Lernen eingesetzt werden, zum Beispiel lassen sich Sprachen leichter lernen, wenn die Fremdsprache nicht nur gesprochen, sondern auch gesungen wird.

Wie stark Musik das limbische System unseres Gehirns anregt, das für Emotionen zuständig ist, zeigt sich beispielsweise, wenn Musik Gänsehaut beim Zuhörer verursacht. Wenn Musik mit persönlichen Ereignissen verknüpft ist, ruft ein Wiederhören dieser Musik die Erinnerungen und damit verbundenen Gefühle besonders intensiv wach. Die Gefühle sind oft so präsent und stark wie im vergangenen Erlebnis selbst.

Für die Entwicklung von Kindern spielt Musik eine besonders positive Rolle. Prof. Dr. Hans Günther Bastian kam in einer nach ihm benannten Langzeitstudie an mehreren Berliner Grundschulen zu dem Resultat, dass sich die soziale Kompetenz der beteiligten Kinder deutlich gesteigert hat. Weniger Kinder wurden ausgegrenzt und der Anteil derjenigen, die keine einzige Ablehnung durch ihre Klassenkameraden erhielten, war doppelt so hoch wie an konventionellen Schulen. Insgesamt herrschte an Schulen mit Schwerpunkt Musikunterricht ein merklich harmonischeres Klima.

Wie kommt es dazu? Wer gemeinsam musizieren möchte, muss aufmerksam auf einander hören. Musik schult also die Wahrnehmung des anderen. Und so können Kinder, auch über das Musizieren hinaus, beispielsweise den Stimmklang anderer feiner wahrnehmen und so die Stimmung eines Menschen beurteilen. Musizierende Kinder haben eine höhere Urteilsfähigkeit, können besser aus Erfahrungen lernen und in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen denken. Gemeinsames Musizieren hat dazu einen belohnenden Effekt: Trägt jeder zum Gelingen bei, dann klingt es schön. Das motiviert und steigert die Konzentration.

Neben der Bastian-Studie zeigte auch das Bildungsprojekt „Rhythm is it“ den enorm starken pädagogischen Einfluss von Musik. 250 Hauptschüler unter Leitung von Sir Simon Rattle probten und führten ein von den Berliner Philharmonikern gespieltes Ballett auf. Zunächst waren die Kinder und Jugendlichen äußerst wenig motiviert, schließlich waren sie diszipliniert, engagiert und so zu beeindruckenden Leistungen fähig. Wer das Projekt, die Kinder und ihre Entwicklung kennenlernen möchte, dem sei der Dokumentarfilm „Rhythm is it“ empfohlen. Das Projekt hat gezeigt, was auch Wolfgang Pfeiffer in seiner Studie feststellen konnte. Er untersuchte, inwiefern Musik auf das Selbstkonzept von Kindern und Jugendlichen wirkt. Darunter versteht man das Wissen, das eine Person über sich selbst hat, die Vorstellungen, Einschätzungen und Bewertungen. Das Resultat: Musik stärkt das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein eines Menschen. Musikalisch sehr aktive Schüler zeigen eine hohe Motivation, ihre musikalischen Fähigkeiten zu verbessern. Sie haben Spaß beim Üben, beim Vorspielen und scheuen sich nicht, beim Musikmachen im Mittelpunkt zu stehen. Musik bietet ihnen einen alternativen Weg, Gefühle auszudrücken. Einen intuitiven oder wie Victor Hugo sagte: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“.